Abstract
Thema: Psychiatrie dort, wo die Menschen sind: Versorgung von Menschen mit Doppeldiagnosen und Wohnungslosigkeit in Leipzig | Stephan Bialas
Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen und komorbiden Suchterkrankungen leben häufig unter prekären sozialen Bedingungen und sind durch klassische ambulante Versorgungsangebote nur unzureichend erreichbar. In Leipzig hat der Verbund Gemeindenahe Psychiatrie mit dem Mobilen Kontakt- und Beratungsteam ein niedrigschwelliges, multiprofessionelles Angebot entwickelt, das diese Menschen unmittelbar in ihrem Lebensumfeld erreichen soll.
Das Team aus Fachärzt:innen, Sozialarbeitenden und Genesungsbegleitenden arbeitet aufsuchend im öffentlichen Raum sowie in einer Notunterkunft und Beratungsstelle für wohnungslose Menschen und in Einrichtungen der akzeptierenden Drogenhilfe. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Versorgung wohnungsloser Menschen mit schweren Doppeldiagnosen. Hierzu gehört auch eine niedrigschwellige suchtmedizinische Versorgung einschließlich Substitutionsbehandlung. Am Leipziger Hauptbahnhof steht dabei auch ein ehemaliger Rettungswagen als mobile Anlaufstelle zur Verfügung, in dem neben psychiatrischer und suchtmedizinischer Behandlung auch somatische Basisversorgung angeboten wird.
Die Leipziger Erfahrungen zeigen, dass bei dieser Zielgruppe psychiatrische, suchtmedizinische und soziale Problemlagen kaum voneinander zu trennen sind. Besondere Herausforderungen ergeben sich durch soziale Prekarität, komplexe Konsummuster und die hohe Schwelle konventioneller Hilfsangebote. Eine Besonderheit des Leipziger Modells ist die Verbindung des Sozialpsychiatrischen Dienstes mit den ambulanten Behandlungsangeboten des Verbundes Gemeindenahe Psychiatrie. Der Beitrag stellt das Modell vor und berichtet aus der praktischen Arbeit über Chancen und Grenzen einer niedrigschwelligen psychiatrisch-suchtmedizinischen Versorgung.
Thema: Aus (fach-)politischer Sicht unabdingbar: Die Verknüpfung von Sozialpsychiatrie und Suchthilfen | Dr. Klaus Obert
Obwohl Suchterkrankungen als psychische Erkrankungen gelten, verzeichnen die Sozialpsychiatrie und der Suchthilfen unterschiedliche Entwicklungen. Während sich die Sozialpsychiatrie nach 1945 als ethisch-fachliche, politisch-gesellschaftskritische Bewegung gegen die traditionelle, naturwissenschaftlich bestimmte Psychiatrie mit dem Euthanasieprogramm als tragischem Höhepunkt verstand und entwickelte, standen die Suchthilfen weitgehend unter dem eher moralisch bestimmten Abstinenzdogma. Dieses hatte wiederum zur Ausgrenzung, Alleingelassen werden und vielfach auch zur Obdachlosigkeit von suchtkranken Menschen geführt, die nicht in der Lage sein konnten oder wollten, sich dem Abstinenzdogma zu unterziehen.
Erst die langsame Aufweichung des Dogmas (abgesehen von der Behandlung und Betreuung Drogen missbrauchender Menschen mit Methadonprogrammen etc., welches schon viel früher das Dogma überwand) in Verbindung mit Konzepten des Kontrollierten Trinkens und Zieloffener Suchtarbeit (so ab ca. 2005 folgende) und die Wahrnehmung und Befassung mit der Thematik der wachsenden Anzahl von Menschen mit Doppeldiagnosen noch in den 90 er Jahren des letzten Jahrhunderts, führte neben weiteren Faktoren zur sukzessiven Annäherung von Sozialpsychiatrie und vor allem niederschwellig arbeitenden Suchthilfen.
Am Beispiel der Fusion von Sozialpsychiatrischen und Suchthilfen zu einer Abteilung und dem anschließenden Prozess der Implementation Zieloffener Suchtarbeit für die gesamte Abteilung im Caritasverband für Stuttgart wird dieser Weg kurz rekapituliert und dabei beleuchtet, welche positiven Entwicklungen sich daraus ergeben haben aber auch welche Widerstände und Hindernisse damit verbunden waren und noch sind.
Thema: Von der aufsuchenden Versorgung zur integrierten Behandlung: Weiterentwicklung eines Versorgungsprogramms für Menschen mit schwerer Crack-Konsumstörung in Genf | PD Dr. Louise Penzenstadler
Der seit 2023 beobachtete Anstieg des Crackkonsums in Genf stellt das Suchthilfesystem vor neue Herausforderungen. Viele Betroffene leben in ausgeprägter sozialer Prekarität und werden durch klassische ambulante Angebote nur unzureichend erreicht. Deshalb wurde 2023 ein interdisziplinäres, peer-gestütztes Outreach-Programm aufgebaut, das eine niedrigschwellige Versorgung direkt im Lebensumfeld ermöglicht.
Seit seiner Einführung wurde das Outreach-Modell schrittweise zu einem umfassenderen Versorgungsansatz weiterentwickelt. Neben medizinischer und psychiatrischer Behandlung, Peer-Support und sozialer Begleitung wurden zusätzliche Angebote zur Tagesstrukturierung und sozialen Teilhabe eingeführt. Dazu gehören insbesondere Sportangebote und künstlerische Projekte. Ziel ist es, neben der Behandlung des Substanzkonsums auch alternative Aktivitäten, soziale Kontakte und Selbstwirksamkeit zu fördern.
Da die Behandlungsmöglichkeiten bei schwerer Crack-Konsumstörung weiterhin begrenzt sind, wird derzeit ein neues Behandlungsmodell vorbereitet, bei dem ausgewählten Patient Kokain unter medizinisch kontrollierten Bedingungen verschrieben werden soll. Die Intervention ist als Teil eines umfassenden medizinischen, psychiatrischen, psychosozialen und peer-gestützten Behandlungskonzepts geplant.
Der Beitrag beschreibt die Entwicklung des Genfer Programms seit 2023, aktuelle Erfahrungen mit dem erweiterten Versorgungsmodell und zukünftige Perspektiven.