Abstract
Hintergrund:
Alkoholabhängigkeit bleibt in Deutschland stark stigmatisiert, besonders auch im Arbeitsumfeld, sowie im Gesundheits- und Suchthilfesystem. Scham- und Schuldgefühle unter Führungskräften, Fachkräften,
Betroffenen und Angehörigen führen zu Verheimlichung, Sprachlosigkeit, Verzögerung von Hilfesuche und verdecktem Leid in Form von gegenseitiger (Selbst-) Stigmatisierung und persönlichen Abwertung im
Alltag. Rollenspiele gelten als praxisnahe Interventionsmethode, die durch Perspektivübernahme und Verhaltensübungen zur Entstigmatisierung beitragen kann. Ziel dieses Workshops ist es, Wirkmechanismen,
Wirksamkeit und Implementationsbedingungen von Rollenspielen im Kontext von Alkoholabhängigkeit systemisch zu beleuchten und praxisnahe Empfehlungen für Aus‑ und Fortbildung sowie niedrigschwellige Präventionssettings zu formulieren.
Methoden:
Das Peer Assistance Program wurde auf Basis evidenzbasierter Interventionen wie MI (Motivational Interviewing) und CRAFT (Community Reinforcement Approach & Family Training) in Kombination mit
wissenschaftlichen Anwendungsmodellen zur psychosozialen Selbstreflexion und Entstigmatisierung sowie mit psychoedukativen Elementen und gelebten Peer-Erfahrungen in verschiedenen Rollen kombiniert. In diesem Workshop wird demonstriert und zum Mitmachen
eingeladen, über Rollenspiele das Stigmatisierungspotential unserer Alltagssprache für medizinische Fachkräfte, Führungskräfte, Familien und Kinder in verschiedenen Rollen auf gleiche wirkungsvolle Weise gemeinsam aktiv zu gestalten und in Interaktion miteinander zu reflektieren.
Ergebnisse:
Rollenspiele fördern Mechanismen der Entstigmatisierung und helfen, kommunikative Belastungen in unserer Sprache, die Stigma fördern, rollenübergreifend zu erkennen und abzubauen. Sie wirken über Perspektivübernahme, kognitive Umstrukturierung und emotionale Sensibilisierung. Strukturierte Anleitungen und klare Sicherheitsrahmen
sind entscheidend, um Retraumatisierung und Schamsteigerung zu vermeiden. In unseren Einsätzen in Kliniken, Unternehmen und Schulen zeigt sich eine direkte Verbesserung empathischer Haltung und eine
reduzierte soziale Distanz gegenüber Betroffenen. Wissenszuwächse und konkrete Kommunikationsfertigkeiten wurden häufiger berichtet als rein kognitive Lerninhalte. Schwierigkeiten ergaben sich bei fehlenden Ressourcen für Nachsorge, unklaren Verantwortlichkeiten und kulturell bedingter Scham, die Interventionen in manchen Settings hemmt.
Schlussfolgerung:
Rollenspiele sind ein effektives, adaptierbares Instrument zur Reduktion von Stigma gegenüber Menschen mit Alkoholabhängigkeit, vorausgesetzt, sie werden fachlich begleitet, traumafachlich sensibel gestaltet und mit
Implementationsstrategien verknüpft. Strukturierte Evaluationen zur Langzeitwirkung und weitere kontrollierte Studien wären notwendig, um Effekte zu quantifizieren und die Übertragbarkeit auf unterschiedliche Sozialisationsgruppen weiter zu prüfen.
Schlüsselwörter: Alkoholabhängigkeit, Selbststigma, Rollenspiel, Fortbildung, Implementierung.
Literatur:
Schürmann, C. (2026). Empathie und Empowerment bei
Alkoholabhängigkeit: Stigmatisierung im Umgang mit Betroffenen überwinden. Springer Berlin Heidelberg.
Über die Workshop-Leitung:
Carolin Schürmann (Dipl. Sozialwi. Univ., Gründerin GERTY NUSS) und Stefan Schenk (CRAFT-Trainer, Projektleitung Schule GERTY NUSS) sind professionelle Peers, die sich auf die Entstigmatisierung von Abhängigkeit
mit interaktiven Gruppenformaten spezialisiert haben.